Samstag, 24. Dezember 2016

“Der Tannenbaum” von Hans Christian Andersen




Draußen im Walde stand ein niedlicher kleiner Tannenbaum; er hatte einen guten Platz, die Sonne beschien ihn mit warmen Strahlen, und ringsherum wuchsen viele größere Kameraden, Tannen und Fichten. Aber dem kleinen Tannenbaum schien nichts so wichtig wie das Wachsen; er achtete nicht der warmen Sonne und der frischen Luft, er kümmerte sich nicht um die Bauernkinder, die herausgekommen waren, um Erdbeeren und Himbeeren zu sammeln. Oft kamen sie mit einem ganzen Topf voll oder hatten Erdbeeren auf einen Strohhalm gezogen, dann setzten sie sich neben den kleinen Tannenbaum und sagten: “Wie niedlich klein der ist!” Das mochte der Baum gar nicht hören. Im folgenden Jahre war er ein langes Glied größer, und das Jahr darauf um noch eins, denn bei den Tannenbäumchen kann man immer an den Gliedern, die sie haben, sehen, wie viele Jahre sie gewachsen sind. “Oh, wäre ich doch so ein großer Baum wie die andern!” seufzte das kleine Bäumchen, “dann könnte ich meine Zweige so weit umher ausbreiten und mit der Krone in die weite Welt hinausblicken! Die Vögel würden dann Nester zwischen meinen Zweigen bauen, und wenn der Wind weht, könnte ich so vornehm nicken, gerade wie die anderen dort!” Er hatte gar keine Freude am Sonnenschein, an den Vögeln und den Wolken, die über ihn hinsegelten.
War es nun Winter und der Schnee lag ringsumher funkelnd weiß, so kam häufig ein Hase angesprungen und setzte gerade über den kleinen Baum weg. Oh, das war ärgerlich! Aber zwei Winter vergingen, und im dritten war das Bäumchen so groß, dass der Hase um dasselbe herumlaufen musste. “Oh, wachsen, wachsen, groß und alt werden, das ist doch das einzige Schöne in dieser Welt!” dachte der Baum. Jeden Herbst kamen Holzfäller und fällten einige der größten Bäume, und dem jungen Tannenbaum, der nun ganz gut gewachsen war, schauderte dabei; denn die großen, prächtigen Bäume fielen mit Knacken und Krachen zur Erde. Die Zweige wurden abgehauen, die Bäume sahen ganz nackt, lang und schmal aus; sie waren fast nicht mehr zu erkennen. Aber dann wurden sie auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie davon, aus dem Wald hinaus. Wohin sollten sie? Was stand ihnen bevor? Im Frühjahr, als die Schwalben und Störche kamen, fragte sie der Baum: “Wisst ihr nicht, wohin sie geführt wurden? Seid ihr ihnen begegnet? Die Schwalben wussten nichts, aber der Storch sah nachdenklich aus, nickte mit dem Kopfe und sagte: “Ja, ich glaube wohl; mir begegneten viele neue Schiffe, als ich aus Ägypten über das Mittelmeer flog. Auf den Schiffen waren prächtige Mastbäume, ich darf annehmen, dass sie es waren; sie hatten Tannengeruch. Ich kann vielmals grüßen, sie prangen, sie prangen!”  “Oh, wäre ich doch auch groß genug, um über das Meer hinfahren zu können! Was ist das eigentlich, dieses Meer, und wie sieht es aus?” “Ja, das ist weitläufig zu erklären!” sagte der Storch, und damit ging er. “Freue dich deiner Jugend!” sagten die Sonnenstrahlen; “freue dich deines frischen Wachstums, des jungen Lebens, das in dir ist!” Und der Wind küsste den Baum, und der Tau weinte Tränen über ihn, aber das verstand der Tannenbaum nicht. Wenn es auf Weihnachten zuging, wurden ganz junge Bäume gefällt, Bäume, die oft nicht einmal so groß oder gleichen Alters mit unserem Tannenbaum waren, der weder Rast noch Ruhe hatte, sondern immer davon wollte; diese jungen Bäume, und es waren gerade die allerschönsten, behielten immer alle ihre Zweige; sie wurden auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie von dannen zum Walde hinaus. “Wohin sollen diese?” fragte der Tannenbaum. “”Sie sind nicht größer als ich, einer ist sogar viel kleiner; weswegen behalten sie alle ihre Zweige? Wohin fahren sie?” “Das wissen wir! Das wissen wir!” zwitscherten die Sperlinge. “Unten in der Stadt haben wir in die Fenster geschaut! Wir wissen, wohin sie fahren! Oh, sie gelangen zur größten Pracht und Herrlichkeit, die man sich denken kann. Wir haben in die Fenster gesehen und erblickt, dass sie mitten in der warmen Stube aufgepflanzt und mit den schönsten Sachen , vergoldeten Äpfeln, Honigkuchen, Spielzeug und vielen hundert Lichtern geschmückt werden.” “Und dann?” fragte der Tannenbaum und bebte in allen Zweigen. “Und dann? Was geschieht dann?” “Ja, mehr haben wir nicht gesehen! Das war unvergleichlich schön!” “Ob ich wohl bestimmt bin, diesen strahlenden Weg zu betreten?” jubelte der Tannenbaum. “Das ist noch besser, als über das Meer zu ziehen! Wäre es doch erst Weihnachten! Nun bin ich hoch und entfaltet wie die anderen, die im vorigen Jahr davongeführt wurden! Oh, wäre ich erst auf dem Wagen, wäre ich doch in der warmen Stube mit all der Pracht und Herrlichkeit! Und dann? Ja, dann kommt noch etwas Besseres, noch Schöneres, warum würden sie mich sonst so schmücken? Es muss noch etwas Größeres, Herrlicheres kommen! Aber was?” “Freue dich unser!” sagten die Luft und das Sonnenlicht; “freue dich deines Lebens im Freien!” Aber er freute sich durchaus nicht; er wuchs und wuchs, Winter und Sommer stand er grün. Die Leute, die ihn sahen, sagten: “Das ist ein schöner Baum!” Und zur Weihnachtszeit wurde er von allen zuerst gefällt. Die Axt hieb tief durch das Mark; der Baum fiel mit einem Seufzer zu Boden, er fühlte einen Schmerz, eine Ohnmacht, er konnte gar kein Glück empfinden, er war betrübt, von der Heimat scheiden zu müssen, von dem Flecke, auf dem er emporgeschossen war; er wusste ja, dass er die lieben, alten Kameraden, die kleinen Büsche und Blumen ringsumher nie mehr sehen würde, ja vielleicht nicht einmal die Vögel. Die Abreise hatte durchaus nichts Behagliches. Der Baum kam erst wieder zu sich selbst, als er im Hofe, mit anderen Bäumen abgeladen, einen Mann sagen hörte: “Dieser hier ist prächtig! Wir brauchen nur diesen!” Nun kamen zwei Diener in vollem Staat und trugen den Tannenbaum in einen großen, schönen Saal. Ringsherum an den Wänden hingen Bilder, und bei dem großen Kachelofen standen große chinesische Vasen mit Löwen auf den Deckeln; da waren seidene Sessel, große Tische voll von Bilderbüchern und Spielzeug für hundert mal hundert Taler, wenigstens sagten das die Kinder. Der Tannenbaum wurde in ein großes, mit Sand gefülltes Fass gestellt, aber niemand konnte sehen, dass es ein Fass war, denn es wurde rundherum mit grünem Zeug behängt und stand auf einem großen, bunten Teppich. Oh, wie der Baum bebte! Was wird da noch vorgehen? Die Diener und die Mädchen schmückten ihn. An einem Zweig hängten sie kleine Netze, aus farbigem Papier ausgeschnitten, jedes Netz war mit Zuckerwerk gefüllt; vergoldete Äpfel und Walnüsse hingen herab, als wären sie festgewachsen, und über hundert rote, blaue und weiße kleine Lichter wurden in den Zweigen festgesteckt. Puppen, die wie Menschen aussahen - der Baum hatte früher nie solche gesehen -, schwebten im Grünen, und hoch oben in der Spitze wurde ein Stern befestigt. Das war prächtig, ganz außerordentlich prächtig! “Heute abend”, sagten alle, “heute abend wird er strahlen!” Oh, dachte der Baum, wäre es doch Abend! Würden nur die Lichter bald angezündet! Und was dann wohl geschieht? Ob da auch Bäume aus dem Walde kommen, mich zu sehen, und die Sperlinge gegen die Fensterscheiben fliegen? Ob ich hier festwachse und Winter und Sommer geschmückt stehen werde? Ja, er wusste gut Bescheid, aber er hatte ordentlich Borkenschmerzen vor lauter Sehnsucht, und Borkenschmerzen sind für einen Baum ebenso schlimm wie
Kopfschmerzen für uns andere.



Nun wurden die Lichter angezündet. Welcher Glanz! Welche Pracht! Der Baum bebte in allen Zweigen dabei, so dass eins der Lichter das Grüne anbrannte; es sengte ordentlich. Nun durfte der Baum nicht einmal beben. Oh, das war ein Grauen! Ihm war bange, etwas von seinem Staat zu verlieren; er war ganz betäubt von all dem Glanze. Da gingen beide Flügeltüren auf, und eine Menge Kinder stürzte herein, als wollten sie den ganzen Baum umwerfen, die älteren Leute kamen bedächtig nach; die Kleinen standen ganz stumm, aber nur einen Augenblick, dann jubelten sie wieder, dass es laut schallte, sie tanzten um den Baum herum, und ein Geschenk nach dem andern wurde abgepflückt. Was machen sie? dachte der Baum. Was soll geschehen? Die Lichter brannten gerade bis auf die Zweige herunter, und wo sie niederbrannten, wurden sie ausgelöscht, und dann erhielten die Kinder die Erlaubnis, den Baum zu plündern. Oh, sie stürzten auf denselben ein, dass es in allen Zweigen knackte; wäre er nicht mit der Spitze an der Decke festgemacht gewesen, so wäre er umgestürzt. Die Kinder tanzten mit ihren prächtigen Spielzeug herum, niemand sah nach den Baume, ausgenommen das alte Kindermädchen, welches kam und zwischen die Zweige blickte, aber es
geschah nur, um zu sehen, ob nicht noch eine Feige oder ein Apfel vergessen sei.
“Eine Geschichte, eine Geschichte!” riefen die Kinder und zogen einen kleinen, dicken Mann gegen den Baum hin, und er setzte sich gerade unter demselben. “Denn so sind wir im Grünen”, sagte er, “und der Baum kann besonders Nutzen davon haben, zuzuhören! Aber ich erzähle nur eine Geschichte. Wollt ihr die von Ivede-Avede oder die vom Klumpe-Dumpe hören, der die Treppen hinunterfiel und dann doch noch die Prinzessin erhielt?” “Ivede-Avede!” schrien einige, “Klumpe-Dumpe!” schrien andere. Das war ein Rufen und Schreien! Nur der Tannenbaum schwieg ganz still und dachte: “ Komme ich gar nicht mit, werde ich nichts dabei zu tun haben? Er war ja mit gewesen, hatte ja geleistet, was er sollte. Der Mann erzählte von Klumpe-Dumpe, welcher die Treppen hinunterfiel und doch die Prinzessin erhielt. Die Kinder klatschten in die Hände und riefen: “Erzähle, erzähle!” Sie wollten auch die
Geschichte von Ivede-Avede hören, aber sie bekamen nur die von Klumpe-Dumpe. Der Tannenbaum stand ganz stumm und gedankenvoll, nie hatten die Vögel im Walde dergleichen erzählt. Klumpe-Dumpe fiel die Treppe hinunter und bekam doch die Prinzessin! Ja, ja, so geht es in der Welt zu! dachte der Tannenbaum und glaubte, dass es wahr sei, weil es ein so netter Mann
war, der es erzählte. Ja, ja! Vielleicht falle ich auch die Treppe hinunter und bekomme eine Prinzessin! Und er freute sich, den nächsten Tag wieder mit Lichtern und Spielzeug, Gold und Früchten aufgeputzt zu werden. Morgen werde ich nicht zittern! dachte er. Ich will mich recht aller meiner Herrlichkeit
freuen. Morgen werde ich wieder die Geschichte von Klumpe-Dumpe und vielleicht auch die von Ivede-Avede hören. Und der Baum stand die ganze Nacht still und gedankenvoll. Am Morgen kamen die Diener und das Mädchen herein.
Nun beginnt der Staat aufs Neue! dachte der Baum; aber sie schleppten ihn zum Zimmer hinaus, die Treppe hinauf auf den Boden und stellten ihn in einen dunklen Winkel, wohin kein Tageslicht schien. Was soll das bedeuten, dachte der Baum. Was soll ich hier wohl machen? Was mag ich hier wohl hören sollen? Er lehnte sich gegen die Mauer und dachte. Er hatte Zeit genug, denn es vergingen Tage und Nächte; niemand kam herauf, und als endlich jemand kam, so geschah es, um
einige große Kasten in den Winkel zu stellen; der Baum stand ganz versteckt, man musste glauben, dass er ganz vergessen war. Es ist Winter draußen! dachte der Baum. Die Erde ist hart und mit Schnee bedeckt, die Menschen
können mich nicht pflanzen; deshalb soll ich wohl bis zum Frühjahr hier zum Schutz stehen! Wäre es hier nur nicht so dunkel und schrecklich einsam! Nicht einmal ein kleiner Hase! Das war doch schön da draußen im Walde, wenn Schnee lag und der Hase vorbeisprang. Ja selbst als er über mich hinwegsprang; aber damals mochte ich es nicht leiden. Hier oben ist es doch schrecklich einsam! “Piep!, piep!” sagte da eine kleine Maus und huschte hervor; und dann kam noch eine kleine. Sie
beschnüffelten den Tannenbaum und dann schlüpften sie zwischen dessen Zweige.
“Es ist eine greuliche Kälte”, sagten die kleinen Mäuse, “sonst ist hier gut sein; nicht wahr, du alter Tannenbaum?”
“Ich bin gar nicht alt!” sagte der Tannenbaum, “es gibt viele, die weit älter sind denn ich!” “Woher kommst du”, fragten die Mäuse, “und was weißt du?” Sie waren gewaltig neugierig.
“Erzähl uns doch von den schönsten Orten der Erde! Bist du dort gewesen? Bist du in der Speisekammer gewesen, wo Käse auf den Brettern liegen und Schinken unter der Decke hängen, wo man auf Talglicht tanzt, mager hineingeht und fett herauskommt?”
“Das kenne ich nicht”, sagte der Baum; “aber den Wald kenne ich, wo die Sonne scheint und die Vögel singen!” Und dann erzählte er alles aus seiner Jugend. Die kleinen Mäuse hatten früher nie dergleichen gehört, und sie horchten auf und sagten:
“Wieviel du gesehen hast! Wie glücklich du gewesen bist!” “Ich?” sagte der Tannenbaum und dachte über das, was er selbst erzählte, nach. “Ja, es waren im
Grunde ganz fröhliche Zeiten!” Aber dann erzählte er vom Weihnachtsabend, wo er mit Kuchen und Lichtern geschmückt war. “Oh, sagten die kleinen Mäuse, “wie glücklich du gewesen bist, du alter Tannenbaum!”
“Ich bin gar nicht alt!” sagte der Baum, “erst im diesem Winter bin ich vom Walde gekommen! Ich bin in meinem allerbesten Alter, ich bin nur so aufgeschossen!”
“Wie schön du erzählst!” sagten die kleinen Mäuse, und in der nächsten Nacht kamen sie mit vier anderen kleinen Mäusen, die den Baum erzählen hören sollten, und je mehr er erzählte, desto deutlicher erinnerte er sich selbst an alles und dachte: Es waren doch ganz fröhliche Zeiten! Aber sie können wiederkommen! Klumpe-Dumpe fiel die Treppe hinunter und erhielt doch die Prinzessin, vielleicht kann ich auch eine Prinzessin bekommen. Und dann dachte der Tannenbaum
an eine kleine niedliche Birke, die draußen im Walde wuchs, das war für den Tannenbaum eine wirklich schöne Prinzessin. “Wer ist Klumpe-Dumpe?” fragten die kleinen Mäuse. Da erzählte der Tannenbaum das ganze Märchen, er konnte sich jedes einzelnen Wortes entsinnen. Die kleinen Mäuse waren aus lauter
Freude bereit, bis an die Spitze des Baumes zu springen. In der folgenden Nacht kamen weit mehr Mäuse, und am Sonntag sogar zwei Ratten, aber die meinten, die Geschichte sein nicht hübsch, und das betrübte die kleinen Mäuse, denn nun hielten sie auch weniger davon. “Wissen Sie nur die eine Geschichte?” fragten die Ratten.
“Nur die eine”, antwortete der Baum; “die hörte ich an meinem glücklichsten Abend, aber damals dachte ich nicht daran, wie glücklich ich war.”
“Das ist eine höchst jämmerliche Geschichte! Kennen Sie keine von Speck und Talglicht? Keine Speisekammergeschichte?”
“Nein!” sagte der Baum. “Ja, dann danken wir dafür!” erwiderten die Ratten und gingen zu den Ihrigen zurück. Die kleinen Mäuse blieben zuletzt auch weg, und da seufzte der Baum: “Es war doch ganz hübsch,
als sie um mich herum saßen, die beweglichen kleinen Mäuse, und zuhörten, wie ich erzählte! Nun ist auch das vorbei! Aber ich werde daran denken, mich zu freuen, wenn ich wieder hervorgenommen werde.” Aber wann geschah das? Ja, das war eines Morgens, da kamen Leute und wirtschafteten auf dem Boden; die Kasten wurden weggesetzt, der Baum wurde hervorgezogen, sie warfen ihn freilich
ziemlich hart gegen den Fußboden, aber ein Diener schleppte ihn gleich nach der Treppe hin, wo der Tag leuchtete. Nun beginnt das Leben wider! dachte der Baum; er fühlte die frische Luft, die ersten Sonnenstrahlen, und nun war er draußen im Hofe. Alles ging geschwind, der Baum vergaß völlig sich selbst zu beachten, da war so vieles ringsumher zu sehen. der Hof stieß an einen Garten, und
alles blühte darin; die Rosen hingegen frisch und duftend über das kleine Gitter hinaus, die Lindenbäume blühten, und die Schwalben flogen umher und sagten: “Quirrewirrevit, mein Mann ist kommen!” Aber es war nicht der Tannenbaum, den sie meinten. “Nun werde ich leben!” jubelte dieser und breitete seine Zweige weit aus; aber ach, die waren alle vertrocknet und gelb; und er lag da zwischen Unkraut und Nesseln. Der Stern von Goldpapier saß noch oben an der Spitze und glänzte im hellen Sonnenschein. Im Hofe selbst spielten ein paar von den Kindern, die zur Weihnachtszeit den baum umtanzt hatten und so froh über ihn gewesen waren. Eins der kleinsten lief hin und riss den Goldstern ab. “Sieh, was da noch an dem hässlichen, alten Tannenbaum sitzt!” sagte es, und trat auf die Zweige, so dass
sie unter seinen Stiefeln knackten. Der Baum sah auf all die Blumenpracht und Frische im Garten, er betrachtete sich selbst und wünschte, dass er in seinem dunklen Winkel auf dem Boden geblieben wäre; er gedachte seines freien Lebens im Walde, des lustigen Weihnachtsabends und der kleinen Mäuse, die so munter die
Geschichte von Klumpe-Dumpe angehört hatten. “Vorbei, vorbei!” sagte der arme Baum. “Hätte ich mich doch gefreut, als ich es noch konnte!
Vorbei, vorbei!” Der Diener kam und hieb den Baum in kleine Stücke, ein ganzes Bund lag da; hell flackerte es auf unter dem großen Braukessel. Der Baum seufzte tief, und jeder Seufzer war einem kleinen Schusse
gleich; deshalb liefen die Kinder, die da spielten, herbei und setzten sich vor das Feuer, blickten hinein und riefen: “Piff, paff!” Aber bei jedem Knalle, der ein tiefer Seufzer war, dachte der Baum an einen Sommerabend im Walde oder an eine Winternacht da draußen, wenn die Sterne funkelten; er dachte an den Weihnachtsabend und an Klumpe-Dumpe, das einzige Märchen, welches er gehört hatte und zu erzählen wusste - und dann war der Baum verbrannt. Die Jungen spielten im Garten, und der kleinste hatte den Goldstern auf der Brust, den der Baum an seinem glücklichsten Abend getragen hatte; nun war der vorbei, und mit dem Baum war es auch zu
Ende und mit der Geschichte auch, und so geht es mit allen Geschichten!

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